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Unglück auf der Zugspitze

Gipfelstürmer„Sport ist Mord“ pflegt mein etwas beleibter Kumpel desöfteren zu sagen. Und ergänzt dann mitunter „Massensport ist Massenmord“. Nun gut – er wird bestimmt nicht an Magersucht oder Hungerödemen zu Grunde gehen. Er spielt dabei immer gern auf Verletzungen und Unfälle an, die eben auch beim sportlichen Wettkampf passieren.

kurz vor dem Scalettapass (2.606 m)Am Wochenende geschah ein wirkliches Unglück! Beim diesjährigen Extremberglauf auf Deutschlands höchsten Gipfel, die Zugspitze, sind zwei Sportler tödlich verunglückt, viele weitere mussten mit Unterkühlungen in Krankenhäuser eingeliefert werden.

Wie kam es dazu?
Ein plötzlicher Wetterumschwung während des Wettkampfes brachte nicht nur kühle Temperaturen und Regen, sondern Schnee und eisige Winde sowie unpassierbare Streckabschnitte.
Etliche Läufer waren in kurzen Laufhemden unterwegs und mit leichten Laufschuhen. Wie kann das bei solch einem hochkarätigen internationalen Wettkampf passieren?
Versäumnisse des Veranstalters? Bruder Leichtsinn bei einigen Läufern? Eine Mischung aus beiden?
Jeder, der an derartigen Gebirgsläufen teilnimmt, weiß um die besonderen Herausforderungen. Man ist sich i.A. bewusst, dass sich nur gut trainierte Sportler an den Start begeben sollen, das stets mit Wetterumschwüngen zu rechnen ist und dass man sich auch von der Sportbekleidung her darauf einstellen muss.
Und dass man auch einmal Einhalt gebieten muss, wenn es aus verschiedenen Gründen (Witterung, eigenes Befinden) wirklich einmal nicht mehr gehen sollte.
Wenn dann Restrisiko, sportlicher Ehrgeiz und Nichtbeachten von Verhaltensregeln zusammenkommen, passiert auch so ein Unglück.

Viele wollen jetzt dem Veranstalter die Verantwortung aufdrücken. Das ist imho zu einfach. Nachfolgend einige Auszüge aus der Ausschreibung des diesjährigen Zugspitzlaufes:

    Countdown zum 8.ten Internationalen Zugspitz Extremberglauf Die phantastische Strecke von Ehrwald in Tirol über das Gatterl zum Zugspitzgipfel wird den Läufern wieder alles abverlangen. Das zweithöchste Ziel Europas ist das neue Erlebnislauf Highlight. Ca. 900 zu erwartende Teilnehmer fiebern bereits der extremen Herausforderung entgegen. Darunter auch Nordic Runner, die bis zum Zugspitzplatt auf einer nur wenig kürzeren Distanz antreten. Für viele stellt sich die Frage: Warum immer nur Stadtmarathons laufen? Warum nicht jeden Schritt genießen? Diese Überlegung bescherte den bisherigen Läufen jeweils unglaubliche Zuwachsraten von begeisterten Läufern. Das Motto: Die traumhafte Bergwelt der Tiroler Zugspitzarena im Laufschritt erleben. Bei allem Genuss werden die 16,1 km und über 2200 Höhenmeter aus jedem Trailrunner das Letzte herausholen. Der klassische Aufstieg über das Gatterl über die Grenze Tirol/Bayern gilt als eine der schönsten Wandertouren der Alpen überhaupt

    Herzlich willkommen in der Zugspitzarena. Bevor wir Sie zum Zugspitz Extremberglauf und der Nordic Disziplin begrüßen dürfen, möchten wir Sie über einige sehr wichtige Aspekte bezüglich Ihrer Teilnahme hinweisen. Der Lauf findet in einer grandiosen Naturlandschaft erstmals über das Gatterl, dem zur Zugspitze , dem höchsten Berg Deutschlands, statt. Die 16,1 km lange Strecke bis zum Gipfel ist mit ca. 8-9 Stunden Gehzeit in div. Wanderführern angegeben. Sie führt durch alle alpinen Vegetationszonen und somit auch in hoch alpine Regionen, die alpine Gefahren und plötzliche Wetterveränderungen mit sich bringen können. Wanderer und Läufer, die sich auf diese reizvolle Strecke begeben, müssen daher eine gewisse Bergerfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit mitbringen. Der Lauf könnte demnach auch als Hochgeschwindigkeitsbesteigung bezeichnet werden. Kurze Passagen sind mit Stahlseilen gesichert. Nordic Walker/Runner sollten hier die Stöcke in eine Hand nehmen. Entsprechend dem aktuellen Wetterbericht und der persönlichen Bedürfnisse ist jeder Teilnehmer für ausreichende Bekleidung für die ganze Strecke selbst verantwortlich (Schuhe nur mit Crossprofil, Mützen und Handschuhe etc.). Die Luft-Temperaturen können sehr großen Schwankungen ausgesetzt sein. Der Lauf wird von der Bergrettung/wacht auf der ganzen Länge überwacht. Es gibt 5 genehmigte Verpflegungsstellen auf der Strecke und eine im Ziel. Sollte ein zusätzlicher Bedarf an Verpflegung bestehen, muß sich jeder Teilnehmer selbst zusätzlich versorgen. Die Herausforderung besteht also nicht nur im sportlichen Wettkampf, sondern im Austausch mit den natürlichen Gegebenheiten, die den Lauf zu einem absoluten Erlebnis werden lassen. Logistische, verkehrstechnisch bedingte und äußere Umstände könnten Beeinträchtigungen und Einschränkungen im Ablauf bewirken. Ein hoher Aufwand Organisation sowie Einschränkungen durch Auflagen und der notwendige Anspruch auf Naturschutz lassen viele Gegebenheiten, die Sie eventuell von anderen Läufen gewohnt sind, nicht zu. Aber gerade aufgrund dieser unvergleichlichen Besonderheiten des Laufes in einer traumhaften Bergwelt, wird jeder, der eines der Ziele erreicht, ein Sieger sein.

Soweit Auszüge aus der Ausschreibung.

Der Focus beschrieb das Unglück gestern in reißerischer Aufmachung.

Etwas realistischer: Der Spiegel interviewte einen Teilnehmer.

Das Unglück ist passiert, es lässt sich leider nicht mehr ungeschehen machen.
Sollten doch bitte alle Extremläufer ihre Lehren daraus ziehen!

Mein tiefes Mitgefühl gilt den Verunglückten und ihren Angehörigen.

Fotos: eigene private Aufnahmen während des Swiss Alpine 2007

Update: Der StoiBär schreibt: “Erfroren im Sommer
Update 2: Ein Bericht von “LaufReport

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7 Kommentare

  1. Bei aller Hysterie, die jetzt wieder von der eifrigen Journaille geschürt wird, sollte man nicht vergessen, dass gerade im Sport vergleichsweise wenig passiert, weil die große Mehrheit eben doch verantwortungsbewusst an solche “Abenteuer” herangeht. Jeden Tag passiert im Straßenverkehr viel mehr. Damit man mich nicht falsch versteht: Ich finde es furchtbar, was das geschehen ist. Aber bitte keine falschen und voreiligen Schlüsse! Da sind diese Stadtmarathons mit ihren vielen “Marathon-Abenteurern” weitaus gefährdeter hinsichtlich kollabierender Läufer. Was da jedes Jahr beim Berlin-Marathon für Leute am Marathonstart sind, das ist teilweise verantwortungslos und wird immer wieder wegen der Hysterie um Teilnehmer-Rekorde geduldet und gefördert.
    Aber bei diesem Unglück, so schlimm es für die Opfer und Betroffenen sein mag (Ich möchte denen auch mein tiefes Mitgefühl aussprechen)- haltet bitte alle “den Ball flach”.

  2. Heute morgen war ein Läufer im Radiointerview zu hören, der sagte, dass vor dem Start mehrmals Durchsagen waren, die Läufen sollen doch bitte eine Regenjacke und Handschuhe anziehen oder zumindest mitnehmen. Beim Start regnete es bereits! Wenn da die sonne gescheint hätte, könnte man von einem Wetterumschwung reden, aber so?

    Auch wenn man auf die Zugspitze mit der Seilbahn fahren kann, es ist hochalpines Gelände. Da muss man sich richtig anziehen. Selbst im Sommer bei 30 Grad ist es da oben mitunter eiskalt. Geh da mal hoch. Du wirst Dich wundern, wie viele Touris da in Flipflop und kurzer Hose unterwegs sind.

    In zwei Wochen wind wir übrigens auch oben und wollen den Jubiläumsgrad gehen.

  3. @Deichläufer, @ StoiBär:
    Mittlerweile bekommt man ja aus allen Richtungen Informationen: aus der Boulevardpresse (die ihr Faible für den Laufsport entdeckt zu haben scheint), aber auch Insiderberichte und Berichte Betroffener und gestern Abend im ZDF das Interview mit einem Teilnehmer.
    siehe auch: hier

    Meine Erfahrungen vom Swiss Alpine und auch von vielen alpinen Bergtouren bestätigen StoiBärs Hinweise. Ich hätte eigentlich auch gedacht, dass sich herumgesprochen hat, dass man mit Badelatschen nicht auf die Gipfel steigt.

    Ich denke, man sollte folgendes ins Kalkül ziehen:
    1. Extremsport darf nicht zum “Jedermann-Event” verkommen, hier sind auch die Veranstalter gefordert!
    2. Sport in alpinem Gebiet erfordert zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen, vernünftiges Herangehen und Behutsamkeit – und die entsprechende Ausrüstung.
    3. Unfälle, so bitter sie sein mögen, darf man nicht hochstilisieren!

    Viele Grüße
    Norbert

  4. Danke, für Deine Links. Einmal mehr zeigt sich, dass das keine Läufer waren, die mal so aus Jux und Dallerei auf die Zugspitze wollten.
    Mein tiefstes Mitgefühl gehört den Angehörigen!

    Viele Grüße,
    Ramona

  5. In einem der zahlreichen Lauf-Foren gefunden:
    “So erschütternd der Ausgang des 8. Zugspitz Extrem-Berglaufs ist,
    und so gern sich die Boulevard Presse bei solcher Gelegenheit für den Laufsport zu interessieren beginnt,
    der alpine Berglauf bleibt ein grandioses Naturerlebnis, das über Jahre mit meist kaum nennenswerten Unfällen
    über die Runden kam und dem Wintersport auch im Hinblick auf tragische Vorfälle nicht im Mindesten das Wasser reichen kann.”

    Dem ist nichts hinzuzufügen!
    Ey, Hönower, wo findet Dein nächster Berglauf statt?

  6. @Deichläufer: In den Müggelbergen! :)
    Spaß beiseite, der Jungfrau-Marathon steht bei mir noch ganz oben auf der Wunschliste. Und den werde ich mir auch noch gönnen. Aber nicht in diesem Jahr.
    Viele Grüße
    Norbert

  7. Heute erschienen, der aktuelle Newsletter zum diesjährigen Swiss Alpine in Davos:

    Liebe TeilnehmerInnen des swissalpine 2008
    Wir sind bestürzt über die Ereignisse an der Zugspitze vom vergangenen Sonntag und können uns vorstellen, dass dieser dramatische Vorfall da und dort eine Unsicherheit auslöst, möglicherweise sogar einen Start am swissalpine in Frage stellen lässt.
    Die Sicherheit der TeilnehmerInnen hatte bei der Vorbereitung und Durchführung des swissalpine immer schon die allerhöchste Priorität. Bedingt durch den langen, hochalpinen Abschnitt haben wir im Verlaufe der Jahre ein Sicherheits- und Notfallkonzept entwickelt welches seinesgleichen sucht. Wir denken da an unser Feldspital auf der Keschhütte, an die 120 Aerzte, Pflegepersonen, Sanitäter und Samariter sowie an die erfahrene Heli Bernina Crew, welche auch bei schwierigsten Bedingungen Rettungseinsätze durchführen kann.
    Erwähnt sei insbesondere, dass wir zwei Ersatzstrecken vorbereitet haben, welche wir innert 48 Stunden einrichten und durchführen können. Bei einer Extremsituation, wie sie am letzten Sonntag vorlag, würde die K78- und K42-Strecke ab Bergün wie folgt verlaufen: Zurück nach Filisur, über Schmitten nach Wiesen Station. Ab dort auf der Originalstrecke zurück nach Davos. Die Distanz beträgt in diesem Fall 81.4 km bzw. für den K42 exakt 42.2 km. Die übrigen Wettbewerbe bleiben unverändert.
    Sollte sich die Situation während des Rennens wesentlich verändern bzw. verschärfen, so behält sich die Rennleitung vor, das K78-Rennen statt über den Panoramatrail über die Alp Funtauna umzuleiten.
    Wir versichern euch, dass wir auch in diesem Jahr alles vorkehren werden, dass ihr sicher, gesund und um ein Erlebnis reicher den swissalpine bestehen könnt. Wir appellieren aber gleichzeitig an euch, vorbildlich und gut ausgerüstet an den Start zu gehen sowie unsere Weisungen zu befolgen.
    Unter dem Eindruck des Unglücks an der Zugspitze wird man uns als nächste Laufveranstaltung im Gebirge mit Argusaugen beobachten. Ein noch nie da gewesener Medienrummel ist uns jetzt schon gewiss. Wir sind bereit, uns diesem gewaltigen Druck zu stellen und die Herausforderung anzunehmen.
    Wir freuen uns mit euch auf den 23. swissalpine!
    Andrea Tuffli, OK Präsident