Der Hönower

immer auf dem Laufenden

Wähler aus Hönow im Technikrausch

Kommunalwahlen im Land Brandenburg. Moderne Computertechnik hält Einzug in die Wahllokale. Wahlentscheidungen trifft man neuerdings durch Antippen auf einem Touchscreen. Nichts mehr mit Zettelchen und Ankreuzen und ab in die Urne. Auch in Hönow.
Diese Prozedur hatte ich nicht zum ersten Male durchzuführen. Gestern, am späten Nachmittag aber (ich war natürlich erst nach dem Marathon zum Wählen gegangen), war das doch sehr aufschlussreich!

Insgesamt neunmal musste man den Bildschirm berühren, drei verschiedene Wahlgänge mit je drei Stimmen. Und dann die Taste “Eingabe bestätigen” drücken. Und wenn irgend etwas schief lief, dann gab es eine Korrekturmöglichkeit und man konnte von vorn beginnen.
Ich staunte schon, dass alle drei Wahlzettel gemeinsam auf dem Bildschirm erschienen. Zwar alles deutlich lesbar und auch mehr oder weniger übersichtlich – wenn man sich vorher ausführlich informiert hatte. Für viele Wähler ohne Technikerfahrung und mit Sehbehinderungen aber bestimmt kein Vergnügen.
Erstaunlicherweise gab es in dem Wahllokal nur einen einzigen Wahlcomputer. Dafür saßen aber drei Wahlhelfer rum, die den Leuten erklärten, wie schön schnell doch anschließend die Auszählung mit dem Gerät funktioniert.
Vor mir dann auch noch eine Person, die das Spielen mit der neuen Technik sichtlich genoss und bestimmt zehn Minuten allein in der Wahlkabine verbrachte, um ihre “Treffer” zu setzen. Als ich zwölf Minuten vor 18 Uhr das Wahllokal verließ, standen noch etliche Leute an, die in den verbleibenden Minuten auch noch wählen wollten, Ob die das alle noch rechtzeitig geschafft haben?
Wenn man einmal hochrechnet und für einen Wahlgang im Durchschnitt zwei Minuten ansetzt, dann könnten in einem Wahllokal in einer Stunde 30, in 10 Stunden also 300 Bürger wählen. Ob das mit der fast schon beschämend niedrigen Wahlbeteiligung in Brandenburg (50,3%) korrelliert?

Foto: Pixelio, Alexander Hauk

Update 06.10.08: Auch der Chaos Computer Club e.V. beschäftigte sich eingehend mit den Merkwürdigkeiten bei der diesjährigen Kommunalwahl in Brandenburg.

Tags:, , ,

Verwandte Artikel

4 Kommentare

  1. Duerfen wir Deine Kurzreportage ueber den Wahlvorgang in Deinem Wahllokal in unseren CCC-Wahlbeobachtungsbericht aufnehmen?

  2. Hallo! Ich war am 28. 9. auch wählen, in der Kita “Gänseblümchen” Wahlbezirk 14.

    Da ich Wahlcomputern eher skeptisch gegenüberstehe und meine Gründe für das Misstrauen in etwa denen des CCC entsprechen, hatte ich am Wahtag einige Fragen an die “Wahlhelfer” bzgl. des Wahlcomputers (NEDAP, es gab nur einen) vorbereitet. Trotz meiner bedenken, entschloss ich, mich auf den Wahlcomputer einzulassen. Nachdem ich fast 30 Minuten lang anstehen musste (das war geg. 14 Uhr) und ich mich schon im vorderen Teil der Schlange befand, blockierte eine Rentnerin diesen, weil sie außerstande war, die kleinen Schriftfelder zu lesen. Sie fragte ständig
    die Wahlhelferinnen, wo und wie oft sie denn drücken müsse, damit sie “fertig” würde. am Tisch daneben saßen 3 Wahlhelferinnen, von denen eine
    ein mit dem Wahlcomputer verbundenes Gerät bediente, welches offenbar auch (ich glaube es war im Idealfall ein 6maliges Piepen) den korrekten, abgeschlossenen Wahlgang bestätigte. Es herrschte Hilflosigkeit und immer wieder wurde nur wiederholt: “9 Mal drücken und dann unten rechts bestätigen!” oder “tja, da wissen wir jetz auch nicht…” und (die WH kuckten sich gegenseitig verwundert an) “was macht man da jetzt”.
    ein Raunen ging schon durch die Schlange, halb Gelächter, halb Mitleid.
    Irgendwann schaffte es die Rentnerin doch, den Wahlvorgang korrekt abzuschließen und beim Verlassen des Wahlraumes murmelte sie, (es war ihr alles sichtbar peinlich) Entschuldigungen und hob hervor, beim nächsten Mal nicht mehr wählen zu wollen. Kaum Reaktion der anderen Wähler in der Schlange vor und nach mir und ein sichtliches Aufheitern der vorher genervten Minen der Wahlhelferinnen war zu vernehmen. Nun geht´s normal weiter. Kurz bevor ich dran war, fragte ich mal scheindoof, wer nun nach 18H die Stimmen auszählt, ob sie das dann wären. Augenropllend und sich gegenseitig scheinverwundert ansehend, wie man denn solch törichte Frage nur stellen könne, begann Frau mir nun zu erklären, dies mache das “Wahlgerät” automatisch. Ich fragte nach der Nachprüfbarkeit und es wurde floskelartig erklärt, eine Maschine zähle doch viel schneller und genauer, als das früher Menschen konnten und sei deshalb fortschrittlich.
    Ich fragte, ob und warum sie diesem Gerät so trauen, und Dinge wie : wer das Gerät anlieferte und später wieder mitnimmt. Obwohl ich sachlich und ruhig fragte, wurde ich belächelt, so als ob man mich für paranoid hielte.
    Weil keine Antwort kam, wies ich darauf hin, dass ein Computerprogramm die Stimmen zählt und ausdruckt, dieses doch theoretisch von vornherein manipulierbar wäre und als sie mich immer wieder drauf hinwiesen, das gerät arbeite korrekt, fragte ich noch ob sie das überprüft hätten (z.B. ob die Textfelder mit Parteinamen und Kandidaten auch tatsächlich der letztendlichen Eingabe entsprächen). Die Antwort war eine Frage an mich: “Wer sollte denn das Gerät manipulieren?”, “Geht doch garnicht!”
    Dann erstellte ich ein Szenario, in dem z.B. die Stimmeingaben für Partei X
    vom Computerprogramm für die Partei Y zählte. Man (Frau) fragte mich tatsächlich (rhetorisch) wer denn daran Interessen haben könne UND dass, selbst wenn, dies unmöglich sei, weil ich eben falsch informiert sei (nach dem motto: Was lesen sie denn für Zeug?), es sei ja kein Computer, sondern WahlMASCHINE (oder ähnlich) und es befinde sich auch kein Computerchip, geschweige denn ein Coputerprogramm in ihm.

    dann war ich schon dran mit wählen; man wies mich “freundlich” an, doch jetzt bitte hinter die maschine zu treten, mit dezentem kopfnicken in richtung der wartenden wähler hinter mir. ich war so wütend, dass ich mein gemecker dann sein lies, drückte zitternd, wie gewünscht meine 9 Drückfelder und fragte nur noch, ob ich 9 mal “ankreuzen” muss. das wurde mir mit einem harschen “JA!” bestätigt. mit einem absolut lähmenden Gefühl verließ ich dann wortlos den Wahlraum, an der Schweigenden Masse der noch wählenden vorbei. danach musste ich lkeider sofort arbeiten, sonst hätte ich mir noch was aus dem Internet ausgedruckt und den “Wahlhelferinnen” und denen das wenigstens noch auf den Tisch geknallt.

    Fazit: ich werde mich umhorchen, ob und inwiefern ich beim nächsten mal
    die wahl beobachten kann und ob ich vielleicht einen politisch interessierten menschen dabei haben kann, der sich mit technik und rechtlichem diesbezüglich auskennt und mir helfen wollen würde,n die demokratischen defizite aufzuzeigen.

  3. @Ron: Vielen Dank für diese ausführliche Schilderung und auch für die dargelegten Bedenken. Imho ist es schlichtweg schwer nachvollziehbar, der “automatischen Stimmenauszählung” bei diesen durchaus bedenklichen Geräten vollends zu vertrauen.
    Und die teilweise doch sehr verspätet ermittelten Zahlen zur Wahlbeteiligung lassen dieses Vertrauen nicht gerade steigen.

    Die geschilderten Situationen traten aber auch anderenorts auf, wie ich inzwischen weiß. Ergo – Hönow und diese komische Wahlzeremonie – kein Einzelfall.
    Ich denke, da muss man noch einmal genauer hinschauen!