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Die alte kranke Tante

Schwerkrank ist sie. Leider. Nachdem sie doch noch im Frühjahr ihren dritten (oder auch schon vierten) Frühling erlebte.

Hertha BSC Kissen als Auslaufmodell

Hertha BSC Kissen als Auslaufmodell

Irgendwie berührt es mich schon, dieses Elend der alten Dame aus dem Westen von Berlin. Das hätte ich so nicht erwartet. obwohl es hinter der mitunter dick aufgetragenen Schminke doch immer wieder Anzeichen gab, dass die Tante kränkelte, mitunter am Tropf hing und nur nach Not-Infusionen und mit Spritzkuren wieder allein heil übern Damm kommen konnte.

Ja, ich interessiere mich für das Geschehen in Charlottenburg, dort in den blau-weißen Gefilden.
In dem Protzbau mit der blauen Aschenbahn war ich in den letzten Jahren auch ab und zu mal. Zum ISTAF, zur Leichtathletik-WM und zu einigen besonderen Live-Konzerten.
Ansonsten aber gilt für mich seit vielen Jahren „Nur zu Hertha jehn wa nich“, da bin ich Eisern! Klar, schaue ich mir im TV die Spiele des Berliner Fußball-Bundesligavereins an. Und freue mich auch, wenn sie gewinnen.
Nur einmal habe die ich alte Tante in den letzten zehn Jahren live und von Angesicht zu Angesicht erlebt. Und das war zur feierlichen Eröffnung unseres Wohnzimmers, dem Stadion An der Alten Försterei. Da wirkte sie noch frisch herausgeputzt, mit flinken, anmutigen Bewegungen und keiner ahnte, dass der Verfall derart schnell und konsequent einsetzen würde.

Seit dem Beginn meiner Eisernen Zuneigung (das war immerhin schon 1974) hatte ich eigentlich immer auch ein Auge auf die Dame von der Plumpe geworfen. Irgendwann hatte ich dann sogar einen blau-weißen Wimpel im Studentenwohnheim hängen – neben dem rot-weißen, versteht sich. An der Alten Försterei und auch auf den Wegen zum und vom Stadion erscholl damals mitunter auch ein kräftiges und lautstarkes „Ha ho he“.
Und der folgende Knittelvers wurde immer wieder zum Besten gegeben:

Es gibt nur zwei Fußballclubs an der Spree
Union und Hertha BSC!

Die ganz Harten setzten dann meist noch einen drauf:

Wir wollen uns nicht streiten
Die Herthaner sind die Zweiten

Einige Unioner fuhren sogar mit ins „sozialistische Ausland“ (z.B. nach Prag) wenn der zu der Zeit schier unerreichbare Verein aus West-Berlin dort mal spielte.

Im November 1989 war ich gemeinsam mit vielen Eisernen Fans im Olympiastadion, um endlich auch einmal die Hertha live zu erleben. Zu der Zeit litt sie gerade an einer der Attacken. Die stolze Dame dümpelte damals in der zweiten Bundesliga herum und traf auf die SG Wattenscheid 09. (Für Statistiker vielleicht auch deshalb noch interessant, weil bei dieser Auseinandersetzung „Uns Uwe“ Neuhaus (Wattenscheid) und Theo Gries (jetziger Trainer unserer „Zweeten“) aufeinander trafen.)
Höhepunkte der damaligen (gemeinsamen) Zeit waren die beiden Freundschaftsspiele zwischen dem 1. FC Union Berlin und Hertha BSC (u.a. vor mehr als 50.000 Zuschauern im Olympiastadion).

Als Hertha dann zu neuen Höhenflügen ansetzte und den kleinen und mitunter schmuddelig erscheinenden Verein aus Köpenick nur noch scheel von links ankuckte, ich mit Familie samstags oder sonntags in der Alten Försterei stand, opponierten die Söhne, wollten “den richtigen, den guten, den erfolgreichen Fußball” sehen. Erst noch ging ich mit, später dann marschierten sie alleine los, belächelten den Alten, der bei diesem Looser-Ostklub hängen blieb. Sie gehen bis heute mehr oder weniger regelmäßig zu den Blau-Weißen, sind jedoch wieder “auf dem Wege der Besserung” ;) und seit den Jahn-Sportpark-Zeiten auch wieder mit dem 1. FC Wundervoll auf Du und Du.

Auch die wundersame Heilung, als Zauberer, Trainer-Guru und Medizinmann Wunderheiler Motivationskünstler Hans Meyer vor einigen Jahren die alte Dame vor dem Herzkollaps bewahrte, haben die beiden und auch die alte Tante gut verkraftet. In der letzten Saison wollten sie sogar nach den Sternen greifen und mussten dann die Fieberattacke in Karlsruhe live miterleben.

Nun jedoch sehe ich sie leiden und nach Erklärungen suchen.

Vielleicht gibt es ja doch noch die große Erlösung und die Serie der Siege beginnt schon heute Abend gegen die BSG Chemie Vize Leverkusen. Vielleicht dauert sie aber auch noch an, diese „Dreck-am-Schuh-Phase“. Vielleicht kommen tatsächlich die „Wunderwaffen“ in der Winterpause?

Und auch kritisches Hinterfragen steht auf der Tagesordnung.

Ist der Aderlass innerhalb der Mannschaft zu groß gewesen?
War es ein Fehler, den Dieter Hoeness durch den unerfahrenen Preetz zu ersetzen?
Können die angehäuften Schulden je beglichen werden?
War die Favre-Entlassung nicht doch verfrüht?
Ist Friedhelm Funkel, mit seinem Holzfußball der geeignete Trainer zum Erreichen des Minimalziels „Klassenerhalt? Kann er das Team stabilisieren und zum Siegen befähigen?
Gibt es hinsichtlich des Trainers noch Alternativen?
Welch seltsame Rolle spielt neuerdings Nationalspieler und Mannschaftskapitän Arne Friedrich?
Ist das Präsidium mit Werner „Wischmop“ Gegenbauer überhaupt handlungsfähig?
Gibt es überhaupt ein (realistisches) Zweitliga-Szenario?

Tja, Fragen über Fragen. Und ich in der komfortablen Lage, diese nicht beantworten zu können und auch nicht zu brauchen. Vielleicht gibt es Antworten, Gedanken oder auch weitere Fragen. Hallo Enno, bitte übernehmen!
Ich kann hier nur meine Wunschvorstellungen äußern.
Und ich wünschte, dass Hertha in der 1. Bundesliga bleibt. Eines der möglichen Szenarien könnte ja so aussehen, dass am letzten Spieltag, wenn wir mit Kind und Kegel zur Saisonabschlussfahrt relaxed in der Allianzarena weilen und den Sechzigern unsere Aufwartung machen, die Tante den Königsmörder mimt und den Bayern die Meisterschaft versalzt.
Und noch etwas: Dieses Berlin-Derby möchte ich bitte nicht in der 2. Bundesliga erleben müssen. Auch der Gedanke an mögliche Auseinandersetzungen in der Relegation ist mir völlig abwegig. Nein, da bin ich gebranntes Kind. So etwas halte ich nicht mehr aus.

So, alte kranke Tante aus Charlottenburg, nochmals: Jute Besserung!

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4 Kommentare

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  2. schööön geschrieben

  3. Schön, zu wissen, dass es trotz aller Rivalität auch Fans gibt, die dem jeweils anderen nichts Schlechtes wünschen. Geht mir ja genauso :-)

  4. Hertha hat genau wie Union viele Tiefs durchgemacht und kam immer wieder zurück. Ich weiß auch nicht wo die Reise meines Vereins diesmal hingeht aber ich gehe mit. Im übrigen habe auch ich immer Union im Auge behalten. Zu DDR Zeiten habe ich als West- Berliner Union Spiele besucht, auch auswärts beispielsweise in Magdeburg und das mit einem Visum nur für Ost-Berlin. Habe beim Hertha-Spiel in Dresden (innerdeutscher Sportkalender) “meine” Union Kumpels kennengelernt unter widrigsten Bedingungen. (Konflikt mit der Transportpolizei beim “Betreten” unseres Zuges durch die Unioner), war in Prag. Der gegenseitige Respekt, litt über die Jahre nach der “Wende”, da viele Youngsters die alte Verbundenheit nicht kannten und auch nicht kennen lernen wollten. Auch haben etliche Unioner sich abgrenzen wollen, wollten nicht die kleine Schwester sein, zu der wir sie nicht gemacht haben und auch nicht machen wollten. Die Unioner suchten nach einen eigenständigen Profil. Leider viel zu oft immer im Vergleich zu anderen, viel zu selten aus einer eigenen Stärke heraus. Wir haben die Lizenz nicht bekommen, TeBe ist Schuld, wir haben ein Stadion und ihr nicht, Wir sind die tollsten, ihr seid die Westberliner Sch… Schade. Union war für mich nie die kleine Schwester, sondern stets auf Augenhöhe umso mehr schmerzt es, wenn man von den heutigen Union Fans angepöbelt wird, nur weil man mittels Anstecker sich zu seinem Verein stellt. Egal. Wie sagte doch ein Hertha Freund von mir neulich. Union macht sein Ding und wir machen unser Ding. Vielleicht kriegen wir ja ein respektvolles nebeneinander hin, wenn ein Miteinander so denkbar schwer erscheint. Union wünsche ich, weiterhin viel Erfolg, meiner Hertha sowieso denn…. ick gloob an Wunder und an Hertha BSC. Im übrigen ist Hertha nicht krank, sondern zur Zeit nicht gerade erfolgreich, selbst ein Abstieg in die 2.Liga oder die 3.Liga ist keine Krankheit aber das wißt Ihr ja in Köpenick am Besten. Wa?!