Der Hönower

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Ab aufs Sofa

WM-Wohnzimmer Parzelle 740Ich gebe ja zu, ich war skeptisch, sehr sogar. Konnte mich so gar nicht mit dem Gedanken anfreunden, auf dem heiligen Rasen, auf einem Sofa fläzend, die Fußballweltmeisterschaft zu verfolgen.
Zu aberwitzig las sich die damalige Ankündigung “Unioner, stellt euer Sofa ins Stadion. Lasst uns gemeinsam in unserem Wohnzimmer die WM in Brasilien verfolgen”.

In zahlreichen Runden wurde für und wider dieser Aktion, gemanagt von einer Berliner Werbe- und Veranstaltungsagentur, diskutiert. Trainingsauftakt und Vorbereitungsspiele unserer Fußballgötter im Stadion An der Alten Försterei konnte man im Sommer wohl auch knicken, wahrscheinlich muss sogar ein 100.000 Euro teurer neuer Rasen her.
Mein Unbehagen wuchs noch, als ich erfuhr, dass nicht nur Unioner, sondern auch etliche Firmen und selbst Otto-Normalverbraucher, unseren Rasen betreten können und nebenher noch Belustigungsprogramm auf der Tagesordnung steht.. Wenn dann plötzlich gar weinrote Gestalten es sich in unserem Strafraum bequem machen können oder aber die Werbfuzzis die Zeiten vor und zwischen den Partien mit irgendwelchen sinnentleerten Gewinnspielen gestalten und die partygeilen Leute mit Klatschpappen erfreuen. Nicht auszudenken! Selbst der wowereitsche Haus- und Hofsender RBB (alias “Knut-TV”) war am Start und berichtete am Eröffungstag ausführlich aus unserem Wohnzimmer, brachte all den ganzen verpönten Show-Schnickschnack live.
Und rechnet sich denn das ganze Theater eigentlich, nicht dass da noch ein Verlust für meine Stadionbetriebs-AG eintritt? Fragen über Fragen.
Ich hatte zwar meine Meinung und ablehnende Haltung im Vorfeld kundgetan, mir trotzdem aber vorgenommen, brachial erst dann Kritik zu üben, wenn ich mich selbst und höchstpersönlich von dem mir suspekten Treiben in meinem Stadion überzeugt haben sollte.

Und mitunter ist es wirklich angebracht, nicht nur auf das Bauchgefühl zu achten!
Ich war dann, wie geplant, am zweiten Tag am Ort des Geschehens, hatte mich vorsorglich beim Besorgen meiner neuen Dauerkarte mit Tribünenkarten für den Vorrundentag eingedeckt und bin dann mit einem ebenfalls eher skeptischen Kumpel hinein ins Wohnzimmer.
Erste Feststellung: Noch nicht viel los hier, was sich dann aber zum “Spätspiel” – es war Spanien gegen Holland ;-) – rasant änderte. Zweite Feststellung: Bierpreise haben angezogen. Dritte Feststellung: Keine nervenden Animateure, sachliche Vorberichterstattung- und dann lief auch schon das TV-Programm von der Copacabana. Ein Riesenbildschirm (700 Zoll, das sind ca. 17,78m Bildschirmdiagonale), der trotz Sonneneinstrahlung auch noch aus über 60 m Entfernung sehr gute Sicht bot, war die erste große Überraschung. Kein Vergleich mit den vor Jahren mal live erlebten Bildern auf der Berliner Fanmeile.
Nächstes Aha-Erlebnis: Das sind ja (fast) alles bekannte Gesichter, da auf dem Rasen, fröhlich vergnügte zudem, die auch noch winken und rufen, dass man zu Gast in der angemieteten Parzelle sein soll.
Im Innenraum ganz relaxte Atmosphäre, etliche Verpflegungsstände mit durchaus “fußballuntypischen” Leckerbissen. Und wenn man wollte, bekam man sein Getränk sogar an die Couch serviert.
Ich glaube, ich habe an dem Abend eher nicht sooo viel Fußball geschaut, sondern in erster Linie Gespräche geführt, habe die Akzeptanz, Freude und Begeisterung gespürt, mit der da über 800 Leute ihr Sofa ins Stadion gestellt haben und nun mit vielen weiteren Zuschauern auf den Rängen die WM-Spiele genießen wollen. Mit etwas Glück hatte ich dann auch noch Tribünenkarten für den Abend des ersten Gruppenspiels der deutschen Mannschaft abgefasst, so dass ich auch einen zweiten Besuch im Wohnzimmer einplanen konnte.

WM-Wohnzimmer Alte Försterei

“Ausverkauft” war es erstmals an diesen Spieltag – das heißt bei Union während der WM-Tage laut Wortschöpfung unseres Stadionsprechers “ausverschenkt” ;-) , denn alle Tickets wurden und werden kostenlos abgegeben (das relativiert dann sicherlich auch die etwas angezogenen Preise beim Catering) – und mehr als 12.000 Leute erlebten den 4:0-Sieg über Portugal, sahen das Abwehrbollwerk Philipp Lahm gegen Ronaldo und eine überzeugende Leistung der “Nutella-Boys”. ;-)
Dieser Spieltag wird sicherlich auch die Initialzündung gewesen sein, dass sich die Ränge nun öfters bis auf den den letzten Platz füllen werden, dass dieses WM-Wohnzimmer jetzt zum Selbstläufer wird.
Und eines habe ich in den letzten Tagen verstärkt festgestellt: Wir Unioner sind in aller Munde! Fast jeder fußballinteressierte Bekannte spricht mich an, was das für eine geniale Geschichte sei und ob er nicht mal mit aufs Sofa dürfe. Oder wenigstens mit ins Stadion! Ich habe mit Leuten gesprochen, die noch nie in unserem Stadion waren, geschweige denn etwas mit Union am Hut hatten waren, die nun aber alles wissen wollen. über diese verrückten Unioner. Und die sich Karten besorgen, weil sie unbedingt mal vorbeischauen wollen. Mehr Positiv-Werbung für meinen Verein geht nicht!

Und heute Abend bin ich nun wieder im Stadion, mit Gästen! Aufm Sofa, was mir freundlicherweise von einem heute abwesenden “Parzellenbesitzer” zur Verfügung gestellt wurde, denn die Plätze sollen ja ausgelastet werden!

Meinen sich nun zahlreich telefonisch erkundigenden Freunden und Bekannten, ob aus Rostock, München, Schalke, Dresden oder Berlin, muss ich aber mitteilen: Nein, ich kann leider keine Endspiel-Tickets fürs WM-Wohnzimmer organisieren. Da passen nun wirklich nur wir Unioner nebst Anhang rein!
Eisern!

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4 Kommentare

  1. Danke Nobbi. Ich war von Beginn an nicht skeptisch. Schön das man seine Meinung auch ändert und dies kund tut.

    • Ja, @Erbse, genau weil ich eben auch vorher meine sehr skeptische und ablehnende Haltung zum Ausdruck brachte, habe ich mich dazu entschlossen, jetzt meine aktuellen Eindrücke zu schildern. Tut gar nicht weh. ;-)

  2. Dann musst Du wohl nach dem Fünf-Seen-Lauf in Schwerin ganz schnell zurück auf das Sofa? Müssen wir eben auf der Strecke quatschen. Schön, dass Du wieder auf den Laufstrecken präsent sein wirst.

    Und schön, dass Du hier endlich wieder schreibst! :-)

    • Falls Jogis Nutella-Löwen tatsächlich am Samstag, dem 5.7. im Viertelfinale spielen sollten, gehts tatsächlich schnell zurück nach Hause. Wenn nicht, können wir gern noch ein gemeinsames “Zielbier” zischen. :-)
      Du läufst die 30 km, wie ich der Meldeliste entnehme? Ich diesmal nur 15km.
      Trotzdem, man sieht sich, wenn vielleicht auch nur kurz.